Kernschmelzen: Die Halbwertszeit von Information

Kernschmelzen: Die Halbwertszeit von Information

Das alles ist unendlich tragisch und auch so unnötig. Man weiss, dass es Tsunamis gibt, 10m und mehr. Man weiss, Atomreaktoren sind eine Hochrisiko-Technologie. Man weiss, dass die Geschichte einem lehrt, dass man aus der Geschichte lernen sollte. Nur reicht nie eine einzelne Havarie – nicht mal deren zwei, wenn sie nicht genug gross sind, zu wenig Opfer fordern oder zeitlich auseinander liegen. Oder einfach, weil man nur bis eins zählen kann – was bedeuten müsste, dass wir es gar nicht können.

Kernschmelzen

Schwarz-gelbe GlŸhbirnen (2011)

Schwarz-gelbe GlŸhbirnen (2011) (Klick für Quelle)

Jetzt ist ja eine erste, ungefähre Statistik möglich: Seit 1942 gab es 10 Kernschmelzen (wenn ich auf Wikipedia richtig zählte). Unfälle der Stufen INES 3 – 4 gelten für den Gesetzgeber als GAU (grösster anzunehmender Unfall/Auslegungsstörfall), was meinen will, dass ein AKW bei uns eine Strahlenfreisetzung bis zur Stufe INES 4 von der Umwelt isolieren können müsste. Wieso bloss können sie das nicht?

Blöderweise gibt es da noch die Stufen INES 5 bis 7. Tschernobyl und Fukushima gelten als Stufe 6, Three Mile Island und Tokai-mura als Stufe 5. Ausser Tokai-mura (Brennelementefabrik) waren alle drei teilweise oder ganze (Tschernobyl) Kernschmelzen, die von ihrer Natur her NICHT kontrollierbar sind, also nur Glück schlimmeres verhindern kann.

Bei einer auf AKW-Unfälle fokussierten Rechnung mit Kernschmelzen seit 1942 ergibt sich ein Mittel von einem Super-GAU auf 23.3, eine Kernschmelze alle 7 Jahre.

Also alle 7 Jahre ein zufälliges Nicht-Auftreten eines INES grösser 4, der zuverlässig durchschnittlich alle 23 Jahre eine Atomgruppe engagiert, die dann einen strahlenden Auftritt hat. Dieses Risiko wird man vermutlich wieder eingehen, da man meint, keine Alternativen zu haben. Die Politikermehrheit wird – nach anfänglichem, wahltaktischem Hyperaktivismus – da nichts ändern, wenn WIR sie nicht dazu bewegen. Aber genau dasselbe WIR braucht immer mehr Energie, mehr PS, mehr Stoff, zum Wachstum, zur Verschwendung, you know.

Ohne Super-Duper-Hyper-Mega-unglaublich-alles-killende-mega-GAU (ob ökonomisch, ökologisch, nuklear, oder wie auch immer) wird die Wachstums-Kuh nicht geschlachtet werden. Die zig blauen Augen, die wir längst haben, reichen nicht. Es wurde bis kürzlich kein Beben der Stärke 9 gemessen, wie auch kein INES 7. Das Beben hatten wir. Schon blöd, wenn man nicht zählen kann.

Von daher, ja, scheisse nochmal, hoffe ich, dass die Winde der Evolution uns gut gesonnen sind und möglichst viel von Japan für die nächsten 20’000 Jahre zur Sperrzone machen. Aber selbst hier halte ich menschliche Kollektive für fähig, das mit den Jahren unter „Shit happens – so what?“ ab zu buchen. Immerhin: Radioaktive Wahle werden sie wohl nicht mehr essen. Ist das nun gut oder schlecht?

Die wirkliche Katastrophe finde ich, wie der Positiv-GAU in Bahrain mit Unterstützung anderer Emirate (und damit amerikanischer) nieder geknüppelt wird. Der Anfang einer selbständigen, selbstverwalteten und unabhängigen Arabischen Welt könnte heute wohl nicht nur Kick sein für eine Energiewende, sondern auch für eine globalpolitische…

Die Halbwertszeit von Information

Information

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„Interessant“ ist nur, wo’s am meisten Tote gibt. So scheint Ägypten jetzt schon wieder vergessen zu sein. Die Halbwertszeit menschlicher Erinnerungen scheint direkt abhängig von der Zahl der Toten. Wer erinnert sich denn noch an den letzten Tsunami? Das waren 230’000 Opfer, 2004, 6 Jahre: Ein Jahr Medienaufmerksamkeit für knapp 40’000 Tote – das ist nicht billig, das ist gratis. Wer sprach vor letztem Freitag noch von Tschernobyl ausser WoZ, Publik Forum und ARTE?

Nachweislich sinnlose Kriege, hyper-Öko- oder Finanz-super-GAU, Höhere Gewalten: egal, nichts hilft. Ich finde, man sollte global die Forschung darauf konzentrieren, die Halbwertszeiten von Plutonium und Erinnerungen zu tauschen. Ein solches oder anderes Wunder wird wohl nötig sein, um das Wunder Bewusstsein zu retten. Aber wer sagt, dass Wunder unsterblich sein müssten: Radioaktiver Abfall ist gar kein Wunder und trotzdem (annähernd) unsterblich; zehn-, zwanzigtausend Jahre sind ja schon mal nicht schlecht.

Hirnschmelze

Zur Zeit könnte ich all den neoliberalen und anderen gebildeten Idioten den Kopf abreissen, um die Biomasse den Ozeanen zurück zu führen. Eine Milliarde Einheiten dürften da schon zusammen kommen, auch wenn man die mit Zivilisationsgiften kontaminierten in die Sondermüllverbrennung umleitet. Das Ganze wäre ethisch sauber: Idioten sind keine Volksgruppe und schon gar keine Minderheit. Ok, Idioten mit viel Macht vielleicht schon – aber die nehmen es auch nicht immer so genau; die verstehen das. Sonst soll Berlusconi gute Workshops geben, hübscher Busen vorausgesetzt.

Nein, die Welt ist nicht fair, und ich auch nicht – Funktionen haben keine Moral. So wenig wie Hochrisiko-Technologien. Als Mensch bin ich wohl eine.

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