
Ein weteres Mem zum Thema «alternative Wahrheiten», das die Verständigungsprobleme auf den Punkt bringt.
Das Massstabs-Dilemma
Für über 25 Jahre war ich ein überzeugter Verbreiter «alternative Wahrheiten». Dass wir die Natur in erheblicher Weise vergiften und aus dem Geichgewicht bringen würden und unbegrenztes Wachstum in begrenztem Umfeld ktastrophal enden müsse. Gedeckt wurde meine Ansicht von ominösen, querdenkenden Wissenschaftlern, die für Greenpeace arbeiteten. Oder Philosophen, die nicht nur ausserhalb der Box dachten, sondern diese komplett vergessen hatten. Unsere Mitweltzerstörung ist nun allgemein anerkannter Fakt und ich muss schon erheblich Alarmistik betreiben, um nicht müde weg genickt zu werden.
Woher nehme ich nun die Gewissheit, dass nicht, was heutzutage als «alternative Wahrheit» angepriesen wird, die Evidenz von morgen ist? … Weil sie eben evident nicht ist. Die gezielt disruptive Propaganda kann nur in sich selbst funktionieren, indem verborgen suggeriert wird, der Faktor von 2.54 (cm/Zoll) wäre entweder nicht fix, nicht existent oder konstant anders.
Die Beweisführung ist hier äusserst simpel: Ich eiche zwei Massstäbe, deren Echtheit unzweifelbar ist. Wenn nun der eine Massstab Zentimeter, der andere Zoll misst, und ich beide vergleiche, ist zwangsläufig alles blosser Glaube, dem nicht ein Studium der Längenmasse und Mathematik voraus ging.
Datenbasis und Statistik
Statistiken lassen sich tatsächlich auf einfache Weise den eigenen Bedürfnissen abpassen, was ja ein üblicher Vorwurf ist; das gilt aber nicht für Datenbasen. Eine äusserst breite Datenbank wie zum Beispiel die der globalen Luft- und Wassertemperaturmessungen lassen sich nicht so manipulieren, alsdass Algorythmen die Irregularitäten nicht finden könnten. Raffinierte Datenfälschungen benötigen schlicht ausgeklügelte Analysemethoden.
In diesem Zusammenhang ist eine entscheidende Erkenntnis, dass eine Statistik selbst nicht gefälscht sein kann (!), da sie zu einhundert Prozent direkt von der Datenbasis abängt. Eine Statistik kann Datenbasen nur irreführend auswerten – wirklich gefälscht wären allenfalls die Daten, auf denen sie beruht. Deren Unregelmässigkeiten zu entlarven ist, wie gesagt, mathematische Fleissarbeit.
So ist es entscheidend zu verstehen, wie Statistiken Grössen bilden, gegenüber stellen und wie sich inkonsistente Daten auswirken: ob nun Datenreihen unzulässig kombiniert oder inkompatible Grössen verglichen werden. Das Wissen in anfänglichem Beispiel über Distanzmessen und Umrechnen derer Masseinheiten ist Grundschulniveau – aber es zeigt systemisch, wie Halbwahrheiten geschaffen werden: Zentimeter werden einfach «alternativ» definiert.
Kommunikation findet nur unter gleichen statt
Unsere modernen Probleme, ob chemischer, physikalischer oder sozialer Natur, entziehen sich leider dem einfachen Zollstock. Ohne elementares Verständnis der Zusammenhänge von Physik und Chemie lässt sich bei Umweltthemen keine vernünftige Argumentation führen. Ohne grundlegendes Wissen über Funktionen, Wahrscheinlichkeits-Mathematik und Spielthorie ist es nicht möglich, gefühlte abstruse («der Himmel ist blau, weil der Rasen grün ist») von konsistenten Ableitungen zu unterscheiden.
So erwische ich mich immer mehr dabei, dass ich mir bei Glaubensthesen «moderner alternativer Wahrheiten» ein kleines Schnipsel des akuellen Themas heraus picke und anhand dessen einen Anschauungsunterricht versuche, wie man sein eigenes Denken prüfen kann: Halte ein Zentimeterband und einen Zollstock nebeneinander. Konsequenterweise begänne das bei der Erkenntnistheorie – wenn das Gegenüber aber nach 15 Minuten geistig erschöpft ist, lassen sich die Argumentationsfundamente nur rudimentär korrigieren.
Es führt nichts an der Erkenntnis vorbei, dass es sinnlos ist, über gemessene Längen zu streiten, wenn jemand sein Zollstock für metrisch hält. Kommunikation und Wissen benötigen zum Austausch gemeinsame Definitionen. Doch geschickt an die Hand genommen lassen sich Grundfeste neu platzieren, wo sonst irrationale Pfeiler in der Haltlosigkeit enden.
Epilog
Wissen bestimmt, aber Glaube gewinnt. Ist es überheblich, Menschen danach zu klassifizieren? Muss ich immer allen Quatsch ernst nehmen? Leider soll es psychologisch zielführend sein, dies zu tun: Für ein effizientes zurückmanipulieren des Andern auf die evidenten Erkenntnisse der Wissenschaft sei es die beste Taktik.
Um mir als humanistischer Überzeugungstäter das An-der-Nase-herumführen gutzureden, hier einen Anstecher ins Alte Testament: Der Zweck heiligt die Mittel. Wer nicht hören will, muss begreifen. Wer mir einen Mist erzählt, fällt selbst auf mich herein. Jede Wahrheit beginnt mit einer kleinen Manipulation. Wer den Zentimeter nicht ehrt, ist den Zoll nicht wert. Lieber die Wahrheit an der Hand als den Bhaupti auf dem Dach. Der erste Schreihals kriegt die Aufmerksamkeit, der zweite thermodynamische Satz hat immer Recht. … Ich hör‘ jetzt auf, bevor’s richtig blöd wird.
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