Josef Heller: Ein Nachruf

Josef Heller: Ein Nachruf
Josef Heller

Josef Heller

Am vorletzten Donnerstag bakam ich eine Karte eines früheren Schwarms von mir: Die Geburts­anzeige ihres ersten Kindes. Am Abend erhielt ich die Nach­richt, Dädi sei verstorben.

Ein Kreis schliesst sich.

Dädi war ein einfacher, bescheidener Mann, ein Bastler, „en Chlütteri“, „en Chrampfer“. Kaum etwas ging kaputt, ohne dass er es nicht reparie­ren konnte – ja musste. Für uns, seine Kinder, ist das phantastisch: Seinen Drang, Funktionswei­sen auf den Grund zu ge­hen, zu tüfteln, zu opti­mieren übertrug er quasi verlust­frei auf uns. Und: Selber machen macht mehr Spass und ist billi­ger – so sind wir alle kleine Mechaniker ge­worden. Und Maler, Schreiner, Stro­mer, und weiss der Kuckuck was alles noch – eben Bast­ler, „Chlütteris“.

Ein Kreis schliesst sich.

Aber das Ganze würde nicht gehen ohne eine entscheidende Eigenschaft: Der Wille, zu verste­hen, das ewige Bedürf­nis, zu lernen. Dädi wurde nie müde, die Welt zu erklären. Mit uns in Kies­gruben Steinbrecher und Bagger zu besteigen, um die ständigen „wie geht das?“ und warum’s geduldig zu ertragen. Mit uns Bäche mit Stau­dämmen zu verzieren, um uns ein Gefühl für Druck zu geben. Baustellen von Autobahn­brücken un­sicher zu ma­chen, wenn er uns Knöpfen die Statik zu erklären versuchte.

Beim zerlegen und vor Allem zusam­mensetzen revidierter Velos und Töfflis stand er immer mit Rat und Tat zur Seite. Es gibt keine Dichtungen mehr für die­sen alten Töfflimotor? Kein Pro­b­lem: Hier, Dichtungspapier und Messer zum aus­schneiden, Stahlkugeln, um die Schraubenlö­cher zu stanzen.

Ein defektes Auto war seine Materie, und wenn es nicht defekt war, gab es im­mer sonst was am Vergaser zu schrauben oder Bremsen zu entlüf­ten.

Für uns ist es zum eigentli­chen Spass im Leben geworden, die Welt zu erforschen  – und Ant­worten einfach nach zu plap­pern zum absoluten Graus. Nicht nur sel­ber „chlüt­tere“ war bei Dädi ständig an­gesagt – auch selber denken. Für mich persönlich sein wertvollstes Geschenk, das er uns machen konnte!

Natürlich bewirkte das einen Boome­rang-Effekt: Irgendwann zogen wir, sei­ne Kinder, andere Schlüsse wie er, hatten unsere eigenen Ideologi­en entwickelt. Das ergab so manchen Streit, wie ich zu­fälligerweise aus zweiter Hand so weiss. So gründlich, wie er uns zum selber den­ken er­zog, so gründlich stellten wir nach kurzer Ana­lyse der Welt diese gleich komplett in Frage. Aber wir sind später überein gekommen, dass ewiges Wachs­tum auch aus Sicht des kühlen Maschi­nisten nicht erfolgreich sein kann.

Ein Kreis schliesst sich.

Dädi lebte in einer Zeit der Wachstumsgesell­schaft. Vor nicht allzu langer Zeit sagte er mir: Wenn er sich die Mensch­heitsgeschichte vorstel­le, würde er sich keine frühere und keine spätere Zeit wünschen, um zu leben. Der Auf­schwung, Wohlstand, Meilensteine in der Wissenschaft – es wären schlicht keine Grenzen in Sicht gewe­sen. Die beste Zeit zum Leben in den ganzen viereinhalb Milliarden Jahren Erdge­schichte.

Wir Menschen wären heute besser dran, hätten wir uns Dädis Lieblings-Motto zu Herzen ge­nommen: „Tue nichts, was du nicht willst, das man dir tut.“ Für mich der wohl weiseste Wort­laut, den ich kenne. Ich suche Zeit meines Le­bens und habe noch nichts universelleres gefun­den. Wie auch: Dädi suchte mehr wie doppelt so lange und fand nichts.

Dädi hatte da ja noch so einen anderen Spruch: Die rhetorische Frage, welches denn das dümmste Volk sei. Die Ant­wort: Das Männer­volk! Was habe ich mit Menschen über diese Frage gestritten, auch mit meinen Brüdern. Aber ich finde nach wie vor, es sei eine brillante, prag­matische und logische Analyse der Ge­schichte – ein Kern des menschlichen Versagens ist das männliche, biologische Erbe, das wir nicht los werden.

Item, wirklich wichtig finde ich Dädis Methodik dahinter, die Welt vom Mond aus mit einem Fernrohr zu betrachten. Vor Allem dann, wenn sie einem zur Ver­zweiflung treibt. Genau diese nüchterne, sachliche Strategie, gepaart mit krea­tivem Denken, be­fähigt einem zu solch unkon­ventionellen Blickwinkeln, den Blick aufs gros­se Ganze von aussen. Dies bewahrte mich vor mancher De­pression.

Ein Kreis schliesst sich.

Ich werde nie verges­sen, wie er einmal in der Migros zu einer älteren Frau sagte, als er auflas, was ihr ‚runter gefallen war: „Si chönd au froh si, das es ned ufe gheit isch!“ Sie guckte mit dem ver­ständnislosesten Blick, den ich je sah. Für den verspielten Bastelbuben Dädi war das erquickends­ter Humor: Die Vorstellung, die Dinge könnten plötzlich nach oben fallen.

Oder wie meine Mutter erzählte, als sie zwei vor langer Zeit zusammen neben ei­nem Leutnant an einer Strasse warten mussten und Dädi lautstark über Sinnlo­sigkeit von Armeen herzog. Heute darf man das ja – aber damals… Und, ganz offen gesagt, macht mich das etwas stolz und gibt mir Mut, auch meine eigene Sichtweisen zu vertre­ten.

Wenn mich heute jemand fragt, was ich sei, kann ich sagen: ein freidenkender Wahrheitssu­cher. Ich konnte gar nicht anders. Ich habe Dä­dis beste Eigenschaf­ten geschenkt bekommen, versuche, sein Erbe weiter zu tragen und auch Bereiche zu erforschen, die er eher mied: Ge­fühle zum Beispiel, die selbst Dädi mit mecha­nischer Logik nicht verstehen konnte. Ich bin aber überzeugt, dass jedes Sys­tem seiner inneren Logik folgt, die nicht zwangsläufig mecha­nisch-mathematischer Natur sein muss. Ich wäre nicht Dädis Sohn, wenn ich mit Fernrohr, Verstand und kreativen Ideen nicht da weitermachen wür­de, wo Dädi aufgehört hat.

Ein Kreis schliesst sich, und ich bedanke mich von ganzem Herzen.

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